Faun: „Back To Nature“ (Interview)

FAUN

Mit TOTEM überraschte uns die Münchner Gruppe Faun mit einigen neuen Einflüssen und einer insgesamt düsteren Grundstimmung. Die Paganfolk-Band hat natürlich eine mystische Aura, aber bislang waren sie auch bei ihren Liveauftritten eher für die gute Laune diesseits und jenseits der mittelalterlichen Musik zuständig. Ein Interview ist ja fast schon so was wie ein Heimspiel für die Band. Bereits drei Mal spielte FAUN bisher im Top Act Zapfendorf und auch sonst macht die Chefredaktion keinen Hehl daraus, mit Haut und Haar jenem ominösen Geklang mit Namen Paganfolk oder Neocelt verfallen zu sein, wobei ja im Klangkosmos der Faune schon immer eine sehr eigene Art von Crossover für frischen Wind sorgte. Jasmin zog aus, neues und altes über Faun zu erkunden und sprach mit Oliver Satyr.

subKULTUR: Eure bisherigen CDs laden stets zu einer thematischen (Klang) Reise ein – im Booklet der „Zaubersprüche“ liest man, daß es nötig sei, mit Hilfe von Mythen und Legenden zurück zur Achtung vor der Natur finden, verzauberte Momente wiederzufinden– das war 2002…Hast du das Gefühl, daß sich in den letzten Jahren der Kreis der Menschen, die sich auf die Reise zurück zum Einklang mit der Natur, zu den alten Mythen begeben, vergrößert hat?

Oliver: Ja, ich glaube, da ist ein Bewußtsein am Erwachen. Die Leute sind extrem auf der Sinnsuche. Wir spielen mit dem Begriff „Pagan Folk“, was zwar etwas sperrig ist, um damit die Musik zu beschreiben, aber was zumindest einen kleinen Hinweis auf die Thematik gibt, und da merken wir, daß sich immer mehr Menschen von dieser angesprochen fühlen. Das Interesse auf den Konzerten ist sehr stark, die Leute sagen, sie finden die Musik toll und, vor allem, sie interessieren sich vermehrt auch für die Hintergründe – das nimmt immer weiter zu.

subKULTUR: Auf der CD „Licht“ fordert ihr auf, den gehörnten Gott Cernunnos bei seiner Reise in die Anderswelt, ins Licht zu begleiten. Auch der Faun, Pan oder der Satyr sind Wesen, die dem Archetypus des gehörnten Gottes entsprechen – im Christentum wurde daraus dann Satan oder auch Luzifer- (was ja eigentlich „der Lichtbringer“ bedeutet). Der gehörnte Gott wurde da vom Ins-Licht-Begleiter zum Lichtbringer – seid ihr mit eurer Musik bestrebt, die ursprünglichen Aspekte, die der gehörnte Gott in sich vereint, wieder ans Licht zu bringen?

Oliver: Auf jeden Fall. Leider sind viele der Überlieferungen heute verfälscht, gerade wenn man ins Altertum oder ins Mittelalter schaut. Vor allem im Mittelalter wurde alles fast ausschließlich innerhalb von Klostermauern aufgeschrieben, das geschriebene Wort außerhalb der klerikalen Welt gab es kaum. Das bedeutet auch, das Wissen , das wir heute über die Kelten und ihre Mythologie haben, stammt entweder aus archäologischen Funden oder aus Berichten Dritter, aber meistens lief das eben übers Kloster, was bedeutet, daß das natürlich schwer umgeschrieben ist. Man muß genau auf die Hintergründe schauen. Das gilt auch für diese Teufelsfigur. Es ist wirklich traurig, daß man überhaupt mit diesen Feindbildern konfrontiert ist, und auch, daß aus dem Thema Sexualität dieser Strick gedreht wurde. So etwas wie das Zölibat mag vielleicht bei ganz extremen Mönchen, die im Kloster leben, sinnvoll sein…

subKULTUR …. wenn es aus tiefster Überzeugung und freiwillig abgelegt wird, aber wer will das schon…

Oliver: Das dürfte nicht mal ein Prozent sein. Meist führt das zu vollkommener Selbstkasteiung und Ausartungen, die Funde von Babyleichen im Kloster sind dafür nur ein Beispiel von vielen. Was wir versuchen ist, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen, zu sagen, was es wirklich mit dem gehörnten Gott auf sich hat. Und wir wollen den Fokus auf etwas richten, was unserer Meinung nach erstrebenswerter ist. Viele Leute interessieren sich dafür. Das war bei mir genauso, ich war oft in der Natur, weil ich merkte, daß ich dort etwas finde, was ich nirgendwo sonst fand, eine gewisse Kraft und Sicherheit, die mir sehr gut tut und mir den Halt in einer Welt gibt, die ja auch oft so vollkommen furchteinflößend ist, durch Zukunftsängste oder was auch immer. Es stellt sich dann die Frage, wie kann man das auch ein wenig lenken? Ich habe versucht, Hintergründe zu erfahren, was wirkt da, wie kann man es sich zunutze machen? Kann man das mitnehmen, wenn man auf Reisen ist, oder gibt es da Rituale, um diese helfenden Gefühle auch hervorzurufen? Ich habe sehr viel gesucht, und je mehr ich suchte, desto mehr Scharlatane habe ich leider auch gefunden. Das Wesentliche ist aber, trotz allem die Suche nicht aufzugeben. Wir versuchen, den Leuten ein paar Tips von unserer eigenen Suche mitzugeben.

subKULTUR: „Renaissance“ war die bisher kommerziell erfolgreichste CD, die auch produktionstechnisch teurer klingt als „Licht“ und „Zaubersprüche“ – was war da anders als bei den CDs vorher?

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Corvus Corax: „Die Gitarre des Mittelalters“ (Interview)

Corvus Corax 2006
Corvus Corax 2006

Corvus Corax sind eine der wenigen Bands, die den Aufstieg der Mittelalter-Szene in Deutschland nicht nur von Anfang an beobachtet, sondern auch maßgeblich beeinflusst haben. Schließlich scheinen sich heutzutage mehr Bands der Szene an Corvus Corax als am realen Mittelalter zu orientieren. Nach ihrer wahrhaft fulminanten Carmina Burana-Vertonung samt Orchester und zwei Chören melden sich die Berliner Spielmänner dieser Tage auch schon wieder mit einer neuen Veröffentlichung namens „Venus, Vina, Musica“ zurück, welche die Band wieder von ihrer rein mittelalterlichen Seite zeigt. Frontmann und Dudelsack-Viruose Castus Rabensang stand vor dem Tanzwut-Tourneestart in Berlin ausführlich Rede und Antwort.

Zunächst einmal, erachtet ihr die normale Mittelalter-Version von Corvus Corax und die ‚Cantus Buranus‘ Aufführungen samt Orchester und Chor als zwei grundverschiedene Projekte?

Castus: „Im Prinzip kann man sagen, dass ‚Seikilos‘ der Vorgänger von ‚Venus Vina Musica‘ ist, da wir bei ‚Cantus Buranus‘ für Orchester, mittelalterliches Ensemble und zwei Chöre alles selbst komponiert haben. Wenn wir hingegen mit sieben Leuten auf der Bühne stehen, geht es darum, dass mittelalterliche Musik im Stil von Corvus Corax vorgetragen wird. Wir verändern die Stücke natürlich auch und spielen nicht nur verstaubte Melodien, denn Corvus Corax hat Stil und das wollen die Leute auch hören. Es geht um Tanzmusik des Mittelalters und ab und zu mal eine schöne Ballade oder eine abgefahrene Story.“

Gab es bei „Venus Vina Musica“ eine neue Herangehensweise, verglichen mit „Seikilos“?

Castus: „Wer die Geschichte von Corvus Corax kennt, weiß wie sich bei uns alles entwickelt hat. Zwischendurch hatte unsere Musik durch die Einflüsse von Tanzwut einen technischen Touch. Das fing bei ‚Viator‘ an, als wir versuchen, das Mittelalter auf den neuen Stand zu bringen, wurde bei ‚Mille Anni Passi Sunt‘ etwas weniger und auf ‚Seikilos‘ sind wir schließlich wieder back to the roots gegangen. Dieses Album hatten wir komplett eingespielt, ohne Samples oder Programmings. Wir wählten dafür eine andere Herangehensweise, sprich eine abgefahrene Vorproduktion, bei der man die Sounds anhand von Samples skizziert. Dabei ist uns aufgefallen, dass man in der Naturmusik theoretisch alles nachmachen kann. Wir haben mit Vocodern gearbeitet und eine arabische Geige klang haargenau so. Es ist unvorstellbar, was wir mit unseren über hundert Instrumenten an Klängen und Stimmungen erzeugen können. In diese Richtung gehen wir jetzt weiter, wir benutzen zwar noch Hall und Delay, aber das war es dann auch.“

Also würdet ihr auf Aufnahmen nicht zugunsten der Authentizität verzichten;-)?

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QNTAL- Über die Vergänglichkeit von Schönheit, Ruhm und Macht

Ein Interview mit Michael Popp aus dem Jahr 2005

Michael Popp (Qntal 2005 @Top Act Zapfendorf)

QNTAL war ein Phänomen, das sich anfang der 90er aus den Klanguniversen der Herren Michael Popp (Estampie) und Ernst Horn (Deine Lakaien) gebildet hatte. Daß die SzeneHits „Et Mortem Festinamus“ und „Palästinalied“ zu zeitlosen Klassikern wurden, ja daß ihnen mit einer immensen Vergrößerung der angesprochenen Musik Szenen, ein ganzes neues Genre folgte, konnte damals niemand ahnen. Doch der Crossover aus Musiken des Mittelalters und anliegender Epochen mit modernen Popmusikelementen, Elektronik und Gitarren, trieb immer buntere Blüten, während Qntal, nach zwei schlicht nummerierten Platten, schwieg. Dann kam der Split. Ernst Horn ging, sein neues Projekt Helium Vola kam und QNTAL ersuchte sich eine Identiät im inzwischen heißumkämpften Markt der Mittelalter-, Renaissance- und Klassik Adaptierer. Schon mit dem, nach sieben Jahren Pause erschienenen, dritten Album war da ein qualitativ hochwertiges Zeichen gesetzt, das nun mit dem vierten Album seine Vollendung erfährt. Qntal scheint, nach einer langen Irrfahrt und vielen Querelen, nun inmitten der Epigonen und Abzweigungen einen Platz gefunden zu haben. Aus dem Trio Syrah (Gesang), Michael Popp (Instrumente, Kompositionen) und Phillip Groth (Electronics, Produktion) ist (wieder) eine Band in Hochform geworden, die Hits schreiben kann und dabei unverwechselbar bleibt.

ToM: Was hat sich produktionstechnisch verändert, daß euer viertes Album um so viel „besser“ klingt, als das dritte… und das nach relativ kurzer Zeit?

Michael Popp: Tja, was ist schon eine „gute“ Produktion. Es kommen da viele Sachen zusammen, die Komposition, die Technik und nicht zuletzt auch der „Spirit“. In diesem Fall hatten wir alle ein durchweg gutes Gefühl. Schon das Komponieren war einfach und ging locker von der Hand. Dann kennen wir uns halt auch besser als noch vor 3 Jahren. Das alles macht etwas aus. Das Equipment und die Produktionsmethode haben sich eigentlich nicht geändert.

ToM: Das Album „Signum“ von Estampie präsentierte das Ensemble um einiges geradliniger und moderner, als noch die Vorgänger Alben deines authentisch musizierenden Projektes. „QNTAL IV“ ist sehr organisch, sodaß die beiden Gruppen sich stilistsich etwas annähern. Ist das Absicht, ein Trend in Richtung Fusion?

Michael Popp: Nein. Natürlich kann man nicht verleugnen, daß hinter beiden Bands teilweise die selben Leute stecken, aber man darf auch nicht überschätzen, wie viel man beim Einspielen einer CD überhaupt vorher planen kann. Wir gehen da eigentlich schon sehr akribisch vor, recherchieren viel, haben ziemlich genaue Konzepte in den Köpfen und trotzdem ist man dann immer wieder überrascht, wie es dann am Ende klingt. So eine Produktion führt irgendwie ein Eigenleben, während man daran arbeitet.

Syrah (Qntal 2005 @ Top Act Zapfendorf)

ToM: Welches Instrumentarium hat im Verlauf der Enstehung von „Ozymandias“, eurem, vierten Album, nun Einzug gehalten… oder sind die exotischen Klänge alle virtuell?

Michael Popp: Da ist schon viel Mittelalterkram dabei, allerdings haben wir die Klänge oft so stark verfremdet, sodaß man nicht mehr sagen kann, was akutsich und was elektronisch erzeugt wurde…. Moment …. Ich muß mal nachdenken: Fidel, Laute, Du, Tambur, Klarinette, Flöte, Dudelsack, Posaune, Drehleier … wir haben schon Einiges live gespielt.

ToM: Hattet ihr für die tollen Satzgesänge noch Gäste im Studio oder ist „Ozymandias“ zu dritt entstanden?

Michael Popp: Die gesänge haben wir alle selbst gesungen….aber ein paar freunde haben instrumente eingespielt. Das geht bei uns ziemlich unkompliziert, da gibt´s keine vorgaben. Jeder kann sich da selber verwirklichen. Ob´s dann aber am Ende auf der CD bleibt entscheiden nur Syrah, Fil und ich.

ToM: Schielt ihr auf den Tanzflur, wenn ihr QNTAL seid oder laßt ihr euich einzig von eurer Vision leiten?

Michael Popp: Wir hatten uns vorgenommen, im Gegensatz zum dritten Album, die Stücke eindeutiger zu machen. Ein tanzbares Stück soll auch wirklich straight durchgehen, ein lyrisches Stück wirklich fragil und zerbrechlich wirken und ein synphonisch angelegtes Werk auch wirklich mächtig und breit klingen. Paradoxerweise entsteht genau dadurch der Eindruck eines klanglich geschlossenen Albums. Da habe ich auch wieder was dazugelernt.

ToM: Wie kamt ihr zum Drakkar Label und wie ist dort die Zusammenarbeit angelaufen?

Michael Popp: Nachdem Vielklang pleite gegangen ist mit all den unschönen Begleiterscheinungen, die so eine Insolvenz mit sich bringt (nicht ausgezahlte Tantiemen, „vergessene“ GEMA-Anmeldungen usw.), haben wir uns halt umgeschaut und sind bald, über den Verlag Radar, auf Drakkar gestoßen. Diesen Schritt haben wir überhaupt nicht bereut, die Zusammenarbeit läuft super, wobei ich auch sagen muß, daß die Zusammenarbeit mit Doro von Vielklang gut geklappt hatte… bis eben die Insolvenz kam.

ToM: Was ist das inhaltliche Anliegen der CD, folgt sie, ähnlich der dritten, einem Konzept, auch jenseits der überspannenden Feuerthematik? Ich habe zwar auch den Pressetexct gelesen, doch halte ich es für wichtig, eure inhaltliche Relevanzen, die ja oft jenseits von Deutsch und Englisch liegen, etwas zu vertiefen

Michael Popp: Das Interessanteste beim künstlerischen Arbeiten ist ja das, was unterbewußt passiert. Oft kommt hinterher ein Kritiker und stößt uns auf inhaltliche Dimensionen, die uns während der Arbeit gar nicht so bewußt waren. Wir hatten eigentlich nur den Ansatz, uns von dem Gedicht „Ozymandias“ leiten zu lassen, das die Vergänglichkeit von Schönheit, Ruhm und Macht beschreibt, ein Inhalt, der viel mit dem Wiederentdecken mittelalterlicher Musik zu tun hat. Während der Arbeit wurde uns dann bewußt, das die ganze CD sehr viel mit den vier Elementen zu tun hat. Dieses Thema fasziniert vor allem Syrah sehr. Und so hat besagtes Unterbewußte uns wohl einen Streich gespielt, denn eigentlich hatten wir diese Thematik für „Ozymandias“ nicht angehen wollen.

ToM: Warum hat es kein Song der Stella Splendens/ Nihil Maxi auf das Album geschafft?

Michael Popp: Von „Stella Splendens“ gibt´s ja schon einen Remix und „Nihil“ wollen wir für die Herbsttour nochmal ganz neu angehen. Insofern war eigentlich kein Platz für diese Stücke…

Qntla live @ Top Act Zapfendorf 2005

ToM: Ist euer neues Album auch in einem der MP3 Stores, wie iTunes zu haben?

Michael Popp: Puh, das weiß ich eigentlich gar nicht.. ich bin soviel mit der Musik beschäftigt, daß ich mich um die Geschäfte nicht kümmern kann. Gottseidank gibt´s ja unseren Manager Andy, der das alles für uns erledigt…

ToM: Ok, dann geht die Frage (krrrrrz…. , neue Leitung, Nummer schnellgetippt, tuuuuut… Konferenzschaltung) an den Manager…

Andy: Nein, keine MP3s, keine Downloadmöglichkeit in einschlägigen Portalen. Das geht allerdings auch vom Label aus, welches eine entsprechende Politik verfolgt. Meiner Meinung nach spielt diese Form des MusikErwerbs bei unserem Klientel eine eher untergeordnete Rolle!

ToM: Was hältst du als Privatperson von dieser neuen Möglichkeit der Musikvermarktung?

Michael Popp: Wenn´s nach mir ginge, gäbe es immer noch die guten, alten Vinyl LPs, da konnte man mehr mit Artwork und Covergestaltung machen, aber glücklicherweise fragt mich niemand. Ich glaube, in Vermarktungsdingen bin ich eine ziemliche Null, leider. Vielleicht hängt das mit meinem musikalischen Werdegang zusammen, als klassisch ausgebildeter Musiker geht man an diese Dinge ein bißchen antiquierter ran, glaube ich.

ToM: Sind bei euch dennoch kreative, medienverbindende Dinge geplant, die über das klassische Musizieren und promoten hinausgehen?

Michael Popp:Du meinst Klingeltöne und so? Ich kann mir ja gar nicht vorstellen, daß es da Leute gibt, die sowas kaufen, aber da kannst du mal sehen, wie sehr ich hinter dem Mond lebe… Ein Film hingegen wäre schon ein Traum, das hat ja eine zusätzliche künstlerische Dimension und das finde ich interessant. Also, Regisseure aufgepaßt! Meldet euch in Massen bei uns!!!!!

ToM: Nach Alteuropa und einem kurzen Trip in Richtung Orient… Wohin wird die Reise von Qntal nun gehen?

Michael Popp: Das lassen wir in Ruhe auf uns zukommen. Da sitze ich mal bei Sonnenuntergang an einem See oder auf einem Berg, schaue in die Luft und plötzlich weiß ich ganz genau, was als Nächstes kommt. Manchmal ist es besser einfach hinzuhören und hinzuschauen, was kommt, und sich nicht alles auszudenken.

Ich danke für das Interview. (Mai 2005)

Corvus Corax „Die Könige der Spielleut“ (Interview)

Corvus Corax 2000

INTROITUS: Da ein Terminus Quasselus mit den Spielleuten man uns anzubieten gedachte, zog er von dannen, unser Herr von Sturzbach, um den Worten des Meister Selbfried zu lauschen, der da ward in Bamberg mit seinen musizierenden Freunden. Unser Hilbert ward höchsterfreut, denn auch die Gruppe CORVUS CORAX schien der Shizophrenia verfallen, weil sie doch mit allmöglichen elektrischem Beiwerk da in Bamberg zugange ward und TANZWUT sich zu nennen pflegte. Und doch ward es ein schöner Plausch mit Meister Selbfried und Castus über CORVUS CORAX und das neue Album „Mille Anni Passi Sunt“, doch leset selbst:

H.v.S.: Was hat euch bewegt, ein Album über den rumänischen Volkshelden „Vlad III. Tepes“ (= der Pfähler) zu machen?

M.S.: Übers Management kamen wir eher zufällig mit dem letzten Nachfolgers Draculeas, Ottomar Rodolphe Vlad Dracula Prinz Kretzulesco, zusammen. Er hat ein Restaurant namens „Dracula“ in Berlin. Einerseits, geht er mit dem Namen und mit der erfunden Person aus Bram Stokers Buch etwas hausieren. Andererseits ist er ein sehr geschichtsbewusster Mensch. Er kennt seine Familiengeschichte sehr gut und legt wert darauf, daß sie auch richtig wiedergegeben wird. Er hat z.B. auch gegen den Film „Bram Stocker’s Dracula“ geklagt, weil im Film Prinz und Fürst verwechselt wurde. (Vlad III „Tepes“ war Fürst der Wallachei. d.Autor). Uns hat fasziniert, daß jemand so mit seiner Geschichte umgeht. Wir versuchen mit unserer Musik genau das, was Bram Stoker mit seinem Buch gemacht hat. Aus alten Quellen etwas Neues zu schaffen. Das ist eine Parallele die man vertreten kann.

H.v.S.: In welchem Studio ward ihr für die Aufnahmen zugegen?

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Brendan Perry „Alive After Dead Can Dance“ (Interview)

Brendan Perry 1999
Brendan Perry 1999

Knapp 15 Jahre schrieb der Ire Brendan Perry Musikgeschichte zusammen mit Lisa Gerrard als Dead Can Dance. Ein Jahr nach dem unerwarteten Split hat BRENDAN PERRY nun sein Soloalbum „Eye Of The Hunter“ vollendet. Entspannt, melancholisch und romantisch startet so die Solokarriere eines Musikers, der auf 10 erstklassigen Alben durch so ziemlich alle Mythen und Musikkulturen gewandert ist. So gab`s für die zwei RCN- Reds auf Gastschreibermission eigentlich nur ein Gesprächsthema: Eben nicht Dead Can Dance, sondern Gott und die Welt. Prädikat: Besonders wertvoll (und deshalb in XXL)

Zu Irland fällt mir ganz spontan Guiness ein. Doch halt, das sieht jetzt wieder so aus, als würden wir in Franken den ganzen Tag Bier trinken…
Brendan: „Ihr habt sehr feine Weine hier. Immer wenn ich hier bin, kaufe ich mir ein paar Flaschen für Zuhause.“

Das ist der Weg, wie wir gute Artikel schreiben: Abends bei einem Gläschen Wein….
Brendan:“ Ich habe einen deutschen Nachbarn in Irland. Er lebt dort seit etwa 10 Jahren und war mal Tourmanager für die Dubliners. Wenn der nach Deutschland geht, kommt er immer mit einer Kiste Frankenwein zurück. Ich trinke den gern, er enhält wohl gewisse Substanzen, die mich kreativ beflügeln.“

Wieviel Fragen hast Du denn zum Thema Dead Can Dance bekommen?
Brendan: „Heute waren es ziemlich viele, in Hamburg (gestern) oder in Amsterdam (vorgestern) eher weniger. Ich war sehr angenehm überrascht, weil wir immer eher im Rahmen der Diskussion auf dieses Thema gekommen sind.“

Deine Platte kann man an jeden verkaufen, nur nicht an Trendkids. Das ist eine Platte für den Abend, für den Sonnenuntergang.
Brendan: „Ja, die Platte hat ihren eigenen Platz in der Zeit. Interessant, daß du sagst, das ist eine Abendplatte. Manche Journalisten haben gesagt, es sei ein Herbstalbum. Das ist der Abend vom Jahr.“

Hört sich an, als wenn du auf dein Leben zurückgeschaut und die Erlebnisse verarbeitet hast. Hast du mit „Eye Of The Hunter“ eine Phase deines Lebens abgeschlossen?
Brendan: „Meistens haben Songs mit bestimmten befristeten Abschnitten im Leben zu tun. Ich sortiere so meine Erlebnisse. Das ist eine Form von Therapie. Ich habe das Gefühl, daß es danach erst mit dem Leben wieder weiter geht.“

Künstler folgen meistens dem Drang, sich auszudrücken.. Wenn du nicht Musik machen würdest, wärst du wahrscheinlich Maler.
Brendan: „Ich würde nicht gut mit Sprache oder Malerei klarkommen. Musik ist für mich eine alternative Ausdrucksform zur Sprache. Dazu kommen viele unterbewußte Aspekte. Ich habe früher in der Musik mehr die depressiven Phasen explodieren lassen. Die neue CD ist mehr eine grundsolide Singer- Songwriterplatte geworden.

Es gibt nicht mehr viel klassische Liedermacher heutzutage.
Brendan: „Sieht so aus, als würden die aussterben. Lyrische Sachen haben mich immer sehr inspiriert, z.B. Ian Curtis oder Jim Morrisson. Lyrik tritt aber immer mehr in den Hintergrund. Sie wird in der Musik immer mehr zum Beiwerk. Man sagt, wir haben eine sprachlose Gesellschaft: Jeder redet, aber niemand spricht miteinander.“

Die Gesellschaft muß auch viel mehr Einflüsse aus allen Bereichen verarbeiten.
Brendan: „Schon, aber es zählt da nur noch Quantität, keine Qualität. Als ich jung war, habe ich gern Abends gelesen. Das macht heute keiner.“

Woran liegt das?
Brendan: „Ein wichtiger Grund dafür ist die Konzentrationsfähigkeit. Wenn du früher im Theater eine Komödie angeschaut hast, mußtest du mehrere Stunden aufpassen. Heute kann das fast niemand mehr. Die Frage ist nur: Haben die Medien diese verminderte Konzentrationsfähigkeit geschaffen, oder ist das bei den Leuten einfach passiert? Jeder leidet unter dem Wandel in der Kommunikation und an der Verarmung der Sprache. In den Musikvideos ist das auf die Spitze getrieben worden, weil du dort alle 2 Sekunden einen Wechsel hast. Ich bevorzuge eine ganz andere Geschwindigkeit, ein anderes Verhältnis zu Zeit und lasse es langsamer angehen, sodaß eine „Botschaft“ auch meiner natürlichen Sprachgeschwindigkeit entspricht. Das sind natürliche Rhythmen. Ich gehe gern tiefer und will mich nicht nur oberflächlich mit irgendetwas befassen..“

Bei der Arbeit ist das auch so. Du kannst viel länger hart arbeiten, wenn du zwischendurch mal so richtig zwei Stunden Pause machst. Einfach abhängen, und den Himmel anschauen. Wir arbeiten auch abends, und machen lieber nachmittag eine lange Pause. Wie in den südlichen Ländern. Da geht zwischen 2 und 4 gar nichts.
Brendan: „Ja, der Lebensrhythmus ist dort ganz anders.“

Ich habe im Sommer auf Mallorca „Moby Dick“ gelesen. Das ging dort viel besser, weil das Buch ja viel mit Meer zu tun hat. Die letzten Seiten mußte ich aber Zuhause lesen. Das war nicht das Selbe.
Brendan: „Früher ging ich in den Urlaub, und brauchte hinterher Urlaub vom Urlaub. Dann habe ich begonnen, im Urlaub zu lesen. Ich war mal in Marokko, in den Atlasbergen, und hatte das richtige Buch dabei. Das gibt dir deinen eigenen Soundtrack zu dem Erlebten. Es reist mit dir, und hilft zu entspannen. Da kommst du richtig erfrischt wieder zurück, und bist voller Tatendrang. Urlaub muß man lernen.“

Siehst du dich eher als Weltbürger oder hast du noch so etwas wie Heimat?
Brendan: „Ich bin viel gereist, habe viele Gesellschaften und unterschiedliche soziale Systeme kennengelernt, und habe meinen eigenen universellen Geschmack. Trotzdem bin ich gern daheim. Irland ist für mich der beste Kompromiß. Ich bin am Ende von Europa und kann an den Atlantik gehen. Hier kann ich meine Batterien wieder aufladen. Auf der anderen Seite kann ich mich ins Auto setzen, zum Flughafen fahren und bin in drei Stunden in London. Das ist eine schöne Balance.“

Das Offene findet sich in deiner Musik wieder. Sie ist nicht limitiert, sondern wirkt zu jeder Tageszeit anders. Wie ein Felsen, der zu jeder Zeit eine andere Farbe hat. Die aktuelle Dancefloor Mucke ist schon viel eintöniger.
Brendan: „Die ist sehr limitiert. Es besteht da eine gewisse Verbindung zu der Musik in den 60ern, psychedelische Musik wurde damals unter dem Einfluß von Drogen gemacht. Die Droge hat die Musik gemacht. Heute ist dieser Punkt komplett verfehlt. Du mußt Drogen nehmen, damit du etwas davon hast. Die Musik in den 90ern bewegt mich nicht besonders, also habe ich andere Wege, mich inspirieren zu lassen.“

Kannst Du dir vorstellen, mal etwas anderes zu machen als Musik, eine andere Kunstform?
Brendan: Musik ist für mich auch ein visuelles Erlebnis, ich stelle mir Musik auch räumlich vor, und ich möchte Musik gern in eine bildlliche Form bringen. Eine pittoreske Form, eine symbolische, eine figürliche Art. Aber bevor man etwas malt, mußt du dieses Handwerk erst einmal lernen. Das braucht etwas Zeit.“

Es gibt Leute die können Musik sehen, als Farben. Als Musiker machst du nichts als diese Barriere zwischen den Ausdrucksformen zu verbinden. Wie arbeitest du an deinen Liedern?
Brendan: „Es kommt nur auf die Feinfühligkeit an, wie du auf Musik reagierst. Ich lasse den Gesamtsound auf mich einwirken und kann das ohne Probleme analysieren. Irgendwie weis ich, wo etwas fehlt, oder wie ich eine Idee in Töne umwandeln kann.“

Wie bei blinden Leuten, die ein besonders gutes Gehör haben.
Brendan: „Ja. Wenn man für einen Sinn, der einem verloren gegangen ist, einen anderen Sinn vollkommen sensibilisiert.“

Kannst du dir vorstellen, Kompositionen zu machen, ohne zu hören. Wie Beethoven?
Brendan: „Ich frage mich nur, welche Art von Komposition ich da fabrizieren würde. Das ist wie im Dunkeln einen Irrgarten beschreiten. Bei Beethoven war es anders. Er konnte Musik in Form von Noten auf Papier zu bringen und nutzte seine Orchestererfahrung, die er erlangte, als er noch hören konnte. Ich dagegen bin kein Notenschreiber. Beethoven, na ja, das war keine so tolle Geschichte, wie sie immer erzählt wird. Er saß halt da und spielte mit dem Ohr auf dem Klavier! (Lacht) Das hat er wirklich getan. Er konnte so die Vibrationen hören.“

Heute spürt man Musik eher. Im Technotempel braucht man die Musik nicht hören, man kann sie fühlen. Wie bei den Indianern.
Brendan: „Der Urzeitrhythmus. Bei den Navajo- Indianern kannst du diese tiefe Baßtrommel hören, bis du einen bestimmten Punkt der Trance erreicht hast. Das ist etwas Anderes. Heute geht die Musik mehr in eine andere Richtung.“

Du scheinst auf die Welt, so wie sie ist, nicht besonders gut zu sprechen. Gibt es eine Person, die dich heute noch nachhaltig beeindruckt?
Brendan:“Da fällt mir spontan Stephen Hawking ein.“

Warum?
Brendan: „Mit seinen ganzen Hilfsmitteln erreicht er geradezu Übermenschliches. Da hat ihm der selbe Mann geholfen, der auch für Stevie Wonder gearbeitet hat. Mit seiner Sprechmaschine komuniziert er mit der ganzen Welt, es ist fasznierend.“

Was treibt einem Mann wie Stephen Hawking an? Was hält ihn am Leben?
Brendan: „Er will unbedingt das Geheimnis des Universums lösen. Ich habe mich auch schon mein ganzes Leben mit solchen Dingen beschäftigt. Ich wurde inspiriert durch dieses Auf und Nieder auf diesem Planeten, Es macht mich neugierig, als wenn da ein riesiges Schild durchs Weltall fliegen würde, auf dem steht: Versuche, meine Geheimnis zu ergründen.“

Hawking hat bereits mit 21 sein Examen abgeschlossen. Damals hat er gesagt: „Gott ist nur ein fehlerhafter Blutdruck in deinem Kopf.“ Jetzt sagt er, das er an Gott glaubt. Viele hochgeistige Wissenschaftler glauben an Gott.
Brendan: „Einstein hat gesagt, Gott spiele nicht mit Würfeln, und er sagte, daß hinter allem etwas Logisches steckt. Das haben viele Leute mißverstanden. Je mehr ich lerne, desto weniger weiß ich, aber es ist immer irgend etwas Höheres da, das alles zusammenhält. Da ist ein Sinn hinter der Evolution, das ist eben Gott. Ich habe einen Song in Arbeit, dessen Titel ist beeinflußt durch Einsteins Satz mit den Würfeln, der Refrain lautet: Gott spielt nicht mit Würfeln, er spielt nur gern verstecken!“

Danke für das schöne Gespräch.
Brendan: „Das hat mir sehr viel Spaß gemacht, sehr erfrischend für mich.“

Martin Müller/ Ewald Funk/ ToM Manegold für RCN im Jahre 1999