Corvus Corax „Die Könige der Spielleut“ (Interview)

Corvus Corax 2000

INTROITUS: Da ein Terminus Quasselus mit den Spielleuten man uns anzubieten gedachte, zog er von dannen, unser Herr von Sturzbach, um den Worten des Meister Selbfried zu lauschen, der da ward in Bamberg mit seinen musizierenden Freunden. Unser Hilbert ward höchsterfreut, denn auch die Gruppe CORVUS CORAX schien der Shizophrenia verfallen, weil sie doch mit allmöglichen elektrischem Beiwerk da in Bamberg zugange ward und TANZWUT sich zu nennen pflegte. Und doch ward es ein schöner Plausch mit Meister Selbfried und Castus über CORVUS CORAX und das neue Album „Mille Anni Passi Sunt“, doch leset selbst:

H.v.S.: Was hat euch bewegt, ein Album über den rumänischen Volkshelden „Vlad III. Tepes“ (= der Pfähler) zu machen?

M.S.: Übers Management kamen wir eher zufällig mit dem letzten Nachfolgers Draculeas, Ottomar Rodolphe Vlad Dracula Prinz Kretzulesco, zusammen. Er hat ein Restaurant namens „Dracula“ in Berlin. Einerseits, geht er mit dem Namen und mit der erfunden Person aus Bram Stokers Buch etwas hausieren. Andererseits ist er ein sehr geschichtsbewusster Mensch. Er kennt seine Familiengeschichte sehr gut und legt wert darauf, daß sie auch richtig wiedergegeben wird. Er hat z.B. auch gegen den Film „Bram Stocker’s Dracula“ geklagt, weil im Film Prinz und Fürst verwechselt wurde. (Vlad III „Tepes“ war Fürst der Wallachei. d.Autor). Uns hat fasziniert, daß jemand so mit seiner Geschichte umgeht. Wir versuchen mit unserer Musik genau das, was Bram Stoker mit seinem Buch gemacht hat. Aus alten Quellen etwas Neues zu schaffen. Das ist eine Parallele die man vertreten kann.

H.v.S.: In welchem Studio ward ihr für die Aufnahmen zugegen?

M.S.: Wir haben mittlerweile unser eigenes Studio. Auch die „Viator“wurde schon dort aufgenommen. Wir sind jetzt so weit, daß wir dort auch abmischen können. Gemastert haben wir noch wo anders.

H.v.S.: Wie ist die Produktion gelaufen, habt ihr alles selbst gemacht?

M.S.: Tec, unser Keyboarder bei TANZWUT, ist in diesem Bereich sehr versiert und hat, mit uns zusammen, einen großen Teil der Arbeit gemacht. Gleich nach der letzten CD haben wir begonnen an dem Material zu arbeiten. Also fast zwei Jahre. Da durch Live- Auftritte und die TANZWUT- CD bedingt, viele Unterbrechungen auftraten, konnten wir immer mit frischem Geist die Stücke noch mal überdenken. So daß die Sache wirklich ausgereift ist.

H.v.S.: Wie war es denn bei der Fotosession fürs Booklet, ihr seid ja über und über vergoldet worden?

M.S.: Die Idee kam von uns. Wir haben dann mit der Graphikerin und dem Photographen die Details ausgearbeitet. Kurzfristig haben wir überlegt, ob wir auch die Augen, wie bei einem Denkmal, Gold einfärben sollten. Aber erstens wollen wir uns kein Denkmal setzen, denn es soll CC ja noch länger geben. Und zweitens kommt so noch etwas mehr Erotik rüber. Blau und Gold passen auch hervorragend zu diesem fürstlichen Thema.

Castus: Erstmal war es recht kompliziert diese Farbe zu besorgen. Es war doch recht eigen, daß die Maskenbildnerin einen am ganzen Körper geschminkt hat. Wir waren ja nackt, bzw. hatten wir eine zweite Haut an. Ich habe kein Problem damit, aber es hat schon eine Weile gedauert, alle haben sich ein wenig weg gedreht und sich die Instrumente vorgehalten. Der Prinz Vlad war auch dabei. Irgendwann war es dann ganz normal. Lauter goldene Figuren rannten da in dem Studio herum. Man saß mit überschlagenen Beinen auf einer Folie und trank seinen Kaffee (*lach*). Es sah aus wie ein Panoptikum. Es wurde dann wirklich Zeit, daß wir die Farbe abmachen, denn ich hatte wirklich Kreislaufschwierigkeiten, da die Haut nicht atmen kann.

M.S.: Das Dumme war natürlich, daß es in dem Photostudio keine Dusche gab. Ich bin dann mit dem Fahrrad heim gefahren (*grins*). Aber in Berlin ist das nicht so kritisch. Da sehen die Leute kurz hin, lachen kurz und das wars dann. Also kein wirklicher Aufstand, es laufen ja genug bunte Vögel rum.

H.v.S.: Wer hatte die Idee zu dem lustigen Spiel auf dem Digi- Pack?

M.S.: Wir haben mit dem Management zusammen überlegt, was wir als Bonus haben wollen und sind dann auf dieses Spielchen gekommen. Programmiert und umgesetzt wurde es von Guido Raschke.

H.v.S.: Es wird zum Album eine Tour geben, wo spielt ihr denn am liebsten?

Castus: In Bayern. In München werden wir am 12.12. spielen, das ist ein sehr wichtiger Termin für uns. Wir spielen auch gerne in Bielefeld. Es geht ja nicht nur darum, wo viele Leute kommen, sondern vor allem, wo die Leute heftig reagieren. In München kommen auch viele Leute und fliegen immer viele BH’s auf die Bühne (*lach*).

M.S.: München ist ja fast ein Heimspiel, wegen der Kaltenberger Ritter- Spiele, da fahren wir gerne hin. Erstens wegen der Leute und zweitens weil die Stimmung immer gut ist.

Castus.: Die Bayern verstehen es zu feiern. Im Endeffekt ist es aber so, daß wir an jedem Tag der Tour, die gleiche Spielfreude haben. Es ist ein Geben und Nehmen. Wenn die Leute etwas ruhiger sind, sind wir es halt auch. Aber in Bayern können wir nicht davon ausgehen, daß wir einen ruhigen Auftritt haben.

H.v.S.: Ihr seid ja mittlerweile wirklich „Die Könige der Spielleute“, habt ihr das Gefühl, daß ihr zuviel „vermarktet“ werdet?

M.S.: Wir sind professionelle Musiker. Ich finde es nicht verwerflich, wenn wir jetzt mehr Geld verdiene als zu der Zeit, in der wir Straßenmusik gemacht haben. Mit diese kommerziellen Wege, die wir jetzt beschreiten, sind wir zufrieden.

H.v.S.: Bekommt ihr die Projekte „CORVUS CORAX“ und „TANZWUT“ terminlich unter einen Hut oder artet das Ganze in Stress aus?

M.S.: Als wir mit TANZWUT angefangen haben, wollten wir nur dafür ein Management nehmen und CC weiter selber machen. Es hat sich herausgestellt, daß das nicht funktioniert. Die Agentur, die jetzt beide Bands verwaltet, achtet schon darauf, daß wir nicht komplett verrückt werden. Wir hatten eine Tour im Frühjahr 2000, mit TANZWUT- und CC- Auftritten. Es war schon schwierig und es tut einfach beiden Shows nicht gut. Die zwei Monate jetzt, nur mit TANZWUT sind weniger anstrengend.

H.v.S.: Thema „Internet, digitale Medien und Urheberrecht“, wie beurteilt ihr die heiß diskutiere Situation und die Zukunft?

M.S.: Wir verfolgen immer die aktuellen Nachrichten und Meldungen in diesem Bereich. Jetzt auf Tour bin ich nicht dazugekommen und kenne den aktuellen Stand nicht genau. Wir sehen aber schon Risiken, gerade für professionelle Musiker. Wir hoffen, daß die großen Plattenfirmen zusammen mit der GEMA einen Weg finden um das Urheberrecht zu schützen. Aber es wird wahrscheinlich immer Lücken geben. Wir sind erschüttert, daß unsere neue CD, die am 13. November erscheint, jetzt schon bei e-bay angeboten wurde! Nur die Presse hat bis jetzt Promoexemplare bekommen.

Castus: Wir haben schon mit Plattenfirmen darüber geredet, wie es in der Zukunft damit weitergeht. Hundertprozentig weiß es keiner. Es muß auf jeden Fall etwas getan werden um das Urheberrecht zu schützen. Es geht nicht, daß jeder einfach in Internet geht, sich eine Platte herunterläd und sich dann noch ein schönes Cover ausdruckt. Es wurde ja schon alles mögliche versucht, mit Kopierschutz usw., was dann aber auch nicht funktioniert hat. Ich bin sicher, es wird nie ganz im Interesse der Musiker gelöst werden. Vielleicht wird aber dann Live- Musik wieder ganz groß geschrieben und bevorzugt. Das Ganze entartet momentan ein wenig. Rein virtuelle Musik wird’s nicht geben.

H.v.S.: Gibt es Bands, die ihr als musikalische Konkurrenz oder sogar Gegner betrachtet?

M.S.: Das soll wohl jetzt auf IN EXTREMO abzielen? (*grins*) Der Micha von IN EXTREMO und Teufel haben eine Zeit lang zusammen Musik gemacht. Und was die beiden momentan noch an persönlichen Differenzen haben, tangiert CC kaum. Wir finden es schade, daß IN EXTREMO lange Zeit kein eigenes Profil entwickelt haben. Inzwischen sind sie eine eigenständige Band. Die Live- Performance, die sie machen, finde ich sehr gut. Sie sind mit ihrer rockigen Variante keine richtige Konkurrenz für CC, denn es ist eine ganz andere Richtung. Ganz im Gegenteil, es profitieren ja beide Bands davon. Das Publikum wird größer und besucht die Auftritte beider Bands. Man stützt sich ja gegenseitig fast ein bißchen.

H.v.S.: Habt ihr ein absolutes Ziel, daß ihr in eurer Schaffenszeit unbedingt erreichen wollt?

M.S.: Wir freuen uns immer, wenn wir ins Ausland kommen. Wir waren mit dem CC- Programm in Mexiko und die Leute dort sind ausgerastet. Und so wollen wir schon noch ein paar Gebiete auf der Welt erobern. Mit CC ist das einfacher als mit TANZWUT. Beim richtigen Rockgeschäft, muß man verschiedene Mechanismen beachten, während man mit CC die Weltmusik- Schiene benutzen kann um herum zu kommen. Da würden wir gerne noch ein wenig weiter kommen. Musikalisch haben wir jetzt mit den letzten zwei CDs eine neuen Weg eingeschlagen, die bei weitem noch nicht ausgereizt ist. Wir werden daran noch weiterarbeiten. Ich glaube nicht, daß wir in den nächsten drei bis fünf Jahren ausgelaugt sein werden. Ein konkretes Ziel gibt es nicht, weil vieles sich einfach entwickelt. In den langen Jahren, die es CC gibt, haben wir nie gedacht, wir mach jetzt dieses oder jenes, damit wir 50.000 Platten verkaufen, sonder wir haben immer das gemacht was gerade das Richtige war. So werden wir auch weitermachen.

Castus.: Egal wie der Erfolg ist, ich persönlich möchte bis zum letzten Tag Musik machen. In irgend einer Form, das muß nicht CC oder TANZWUT sein. Ich habe mir vorgenommen immer Musik zu machen.

H.v.S.: Habt ihr eine Zukunftsvision bezogen auf die Menschheit?

M.S.: Programm von CC ist „Inter Deum et Diabolum semper Musica est“. Dieses Spiel zwischen Gut und Böse herrscht im täglichen Leben. Man kann das Böse nicht besiegen, sondern nur aufpassen, daß es nicht die Macht übernimmt. In diesem Spannungsfeld machen wir Musik. Es wird nicht passieren, daß auf der Welt ein Zustand von Frieden, wie vor dem Sündenfall, herrscht. Ein Paradies und wirkliche Freiheit will keiner haben und würde der Mensch auch nicht verkraften. Wenn man es schafft ein gesundes Mittelmaß in diesem Spannungsfeld zu finden, beides zuzulassen, dann kann man die Menschheit noch ein bißchen ertragen (*grins*).

Castus: Der Mensch, wie er jetzt existiert, wird keine Chance haben durchzukommen. Es wird noch etwas interessantes daraus hervorgehen, es wird aber kein Mensch sein. Es wird mit dem Finger auf uns zeigen und uns Affe nenne (*grins*).

Mit ergebenstem Danke – Hilbert von Sturzbach – für subkultur.de im Jahre 2000

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Autor: Silbenstreif

Silbenstreif Label und Studio Berlin

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