Corvus Corax: „Die Gitarre des Mittelalters“ (Interview)

Corvus Corax 2006
Corvus Corax 2006

Corvus Corax sind eine der wenigen Bands, die den Aufstieg der Mittelalter-Szene in Deutschland nicht nur von Anfang an beobachtet, sondern auch maßgeblich beeinflusst haben. Schließlich scheinen sich heutzutage mehr Bands der Szene an Corvus Corax als am realen Mittelalter zu orientieren. Nach ihrer wahrhaft fulminanten Carmina Burana-Vertonung samt Orchester und zwei Chören melden sich die Berliner Spielmänner dieser Tage auch schon wieder mit einer neuen Veröffentlichung namens „Venus, Vina, Musica“ zurück, welche die Band wieder von ihrer rein mittelalterlichen Seite zeigt. Frontmann und Dudelsack-Viruose Castus Rabensang stand vor dem Tanzwut-Tourneestart in Berlin ausführlich Rede und Antwort.

Zunächst einmal, erachtet ihr die normale Mittelalter-Version von Corvus Corax und die ‚Cantus Buranus‘ Aufführungen samt Orchester und Chor als zwei grundverschiedene Projekte?

Castus: „Im Prinzip kann man sagen, dass ‚Seikilos‘ der Vorgänger von ‚Venus Vina Musica‘ ist, da wir bei ‚Cantus Buranus‘ für Orchester, mittelalterliches Ensemble und zwei Chöre alles selbst komponiert haben. Wenn wir hingegen mit sieben Leuten auf der Bühne stehen, geht es darum, dass mittelalterliche Musik im Stil von Corvus Corax vorgetragen wird. Wir verändern die Stücke natürlich auch und spielen nicht nur verstaubte Melodien, denn Corvus Corax hat Stil und das wollen die Leute auch hören. Es geht um Tanzmusik des Mittelalters und ab und zu mal eine schöne Ballade oder eine abgefahrene Story.“

Gab es bei „Venus Vina Musica“ eine neue Herangehensweise, verglichen mit „Seikilos“?

Castus: „Wer die Geschichte von Corvus Corax kennt, weiß wie sich bei uns alles entwickelt hat. Zwischendurch hatte unsere Musik durch die Einflüsse von Tanzwut einen technischen Touch. Das fing bei ‚Viator‘ an, als wir versuchen, das Mittelalter auf den neuen Stand zu bringen, wurde bei ‚Mille Anni Passi Sunt‘ etwas weniger und auf ‚Seikilos‘ sind wir schließlich wieder back to the roots gegangen. Dieses Album hatten wir komplett eingespielt, ohne Samples oder Programmings. Wir wählten dafür eine andere Herangehensweise, sprich eine abgefahrene Vorproduktion, bei der man die Sounds anhand von Samples skizziert. Dabei ist uns aufgefallen, dass man in der Naturmusik theoretisch alles nachmachen kann. Wir haben mit Vocodern gearbeitet und eine arabische Geige klang haargenau so. Es ist unvorstellbar, was wir mit unseren über hundert Instrumenten an Klängen und Stimmungen erzeugen können. In diese Richtung gehen wir jetzt weiter, wir benutzen zwar noch Hall und Delay, aber das war es dann auch.“

Also würdet ihr auf Aufnahmen nicht zugunsten der Authentizität verzichten;-)?

Venus Vina Musica
Venus Vina Musica

Sucht ihr bewusst nach neuen Einflüsse für ein Album in Bibliotheken oder stößt man eher zufällig auf neue Stücke?

Castus: „Beides. Für dieses Album bin ich extra noch mal in die Bibliothek gegangen und habe ein paar Sachen recherchiert, die mich bereits lange interessierten. Von verschiedenen Sachen habe ich schon gewusst, aber ich wollte sie einfach noch mal hinterfragen, um sicher zu gehen, dass ich das Original habe und nicht eine bearbeitete Melodie. Deswegen versuchen wir immer das Original zu finden. Manchmal haben sie sich bei der lateinischen Übersetzung verschrieben oder die Taktstriche falsch gesetzt. Dadurch wurde Musik schon sehr häufig falsch interpretiert und wir sind ja gerade dafür bekannt, dass wir lieber einmal zu oft nachgucken. Natürlich ist es auch so, dass wir auf unseren Reisen viele Musiker kennenlernen und auch immer fragen, ob nicht jemand jemanden kennt, der sich mit historischer Musik beschäftigt oder ob sie eine Melodie oder eine Handschrift haben. Neulich habe ich die Telefonnummer von einer jüdischen Frau bekommen, die Noten und Texte von jüdischer Musik aus dem 13. Jahrhundert hat. Auch Instrumentalmusik aus dieser Zeit, von der ich gar nicht wusste, dass sie existiert. Viele Gruppen machen es sich einfach, denn sie kaufen sich eine Corvus Corax CD und spielen sie nach, anstatt wenigstens ein bisschen zu recherchieren. So schwer ist das gar nicht, wenn man ein bisschen darauf steht. Der Geruch einer Bibliothek, dieses Verstaubte, ist einfach faszinierend.“

Fündig wird man aber sicher nur in ausgewählten Bibliotheken, oder?

Castus: „In den meisten Bibliotheken gibt es alte Bücher über mittelalterliche Schriften, wo diese abgemalt wurden. Dann gibt es aber auch moderne Bücher, wo die Neumen unbearbeitet drin stehen, so wie sie in den alten Handschriften dargestellt waren. Zudem existieren bearbeitete Formen, was ja auch eine Anregung sein kann. Aber wir wollen nach Möglichkeit die Originale sehen, um sicher zu gehen, dass nicht jemand seinen eigenen Stil mit einbringen wollte. In vielen Bibliotheken gibt es auch alte Musikzeitungen in gebundener Form, in denen sich Musik-Professoren mit ganz bestimmten Themen beschäftigen. Da findet man die abgefahrensten Sachen, aber um sich da durchzulesen, muss man schon ein Freak sein, denn 99% davon ist geistiger Schwachsinn.“

Ist es schwierig, an die Originale heranzukommen?

Castus: „Das würden wir schon, da wir mittlerweile viele Leute kennen, aber das ist teilweise gar nicht nötig. Wir wollen ja auch das Kulturgut nicht strapazieren. Neulich war eine Ausstellung namens ‚Genie und Wahnsinn in der Kunst‘ in Berlin, da war die manessische Liederhandschrift ausgestellt. Das ist natürlich der Hammer, wenn man plötzlich vor dieser Schrift steht. Vogelweide, Frauenlob und Kaiser Barbarossa sind da alle abgebildet, zudem sind da Texte von den Minnesängern aufgeschrieben. Auch wenn es nicht das ist, was wir so mögen, denn wir machen ja keine Minnemusik sondern vertreten die niedere Minne. Das ist die Liebe, bei der sich die Köper berühren.“

Kannst du grob umreißen, wo die Einflüsse für die neuen Stücke herrühren? Wo kann man die Lieder zeitlich einordnen?

Castus: „Zeitlich gesehen ist es schwer, weil wir natürlich auch antike Einflüsse verarbeiten, zum Beispiel antike Sprüche, die dann im Mittelalter vertont wurden. Eigentlich kann man das 13. Jahrhundert nehmen, also die schöne Zeit des Mittelalters als es noch gutgelaunte Menschen voller Hoffnung gab. Danach kam die Pest und das finstere 14. Jahrhundert mit einem Kometen und einem Erdbeben, was die Menschen in Angst versetzte. Auch der hundertjährige Krieg fällt in diese Zeit. Unsere Musik ist im 13. Jahrhundert zu situieren, als Marco Polo schon unterwegs war, schon sehr viel Aufklärung lief und die Inquisition der Kirche noch nicht so schlimm war. Damals waren auch noch viele heidnische Bräuche üblich, was man auch auf unserer CD merkt. Es wird darauf die Reise eines Spielmanns gezeigt, der sich von der indischen Prinzessin Sanyogita, die den Ruf hatte, die schönste Frau mit den grazilsten Bewegungen zu sein, angezogen fühlte. Sie hatte einen Lieblingstanz, den wir ‚Sanyogita‘ nannten. Da hört man die indischen und tibetanischen Einflüsse sehr deutlich heraus. Man wird merken, dass sich die Lieder auf der CD gegenseitig beeinflussen, da wir uns von der japanischen, arabischen und der chinesischen Kultur sowie der keltischen Kultur Schottlands und Irlands inspirieren lassen. Dennoch dringt der Stil der von Corvus Corax überall durch. Es ist eine musikalische Weltreise des Spielmanns.“

Inwieweit sind damals die unterschiedlichen Ländern mit verschiedenen Stilistiken in Verbindung zu bringen?

Castus: „Durch die verschiedenen Instrumente. Es ist ja so, dass der Dudelsack nicht aus Schottland sondern aus Indien kommt. Er ist durch verschiedene Epochen hindurch über Italien und die Alpen nach Europa gekommen und es veränderte sich die Spielpfeife vorne. Diese Bordune hing manchmal nach oben und manchmal nach unten, aber die Spielpfeife wurde ständig ausgewechselt. Irgendwann verwendete man eine türkische Schalmei und daraus wurde schließlich der schottische Dudelsack. Es gibt aber auch einen bulgarischen Dudelsack, den wir ebenfalls verwendet haben, der hat eine ganz andere Tonerzeugung. Nicht mit dem Doppelrohrblatt sondern mit einem einfachen aufgeschlagenen Rohrblatt, dadurch klingt er ganz anders. Auf der aktuellen CD haben wir sechs verschiedene Dudelsäcke eingesetzt und überlegen gerade, wie wir das live machen. Das ist das Schöne an einer Corvus Corax-Studioproduktion, dass wir wahnsinnig werden, weil wir so viele unterschiedliche Instrumente haben, die wir live gar nicht alle einsetzen können. Es macht uns einfach glücklich, die ganzen verschiedenen Klänge zu hören, die man im Studio mit Naturinstrumenten erzeugen kann. Und dann natürlich das Brachiale unserer Stimmen, es gibt z.B. ein Sauflied zusammen mit einem Zauberspruch und dann das Klagen der Mönche über das Zölibat.“

Gab es damals verschiedene Stimmungen in den Ländern, so dass ihr für jedes Land andere Instrumente verwenden musstet?

Castus: „Es gab ja die fahrenden Spielleute, denen es egal war, welche Kultur und Religion in einem Land herrschte. Dadurch spielt man ja in Europa überhaupt Dudelsäcke und verschiedene andere Instrumente. Wenn man sich überlegt, was man im sechsten oder siebten Jahrhundert in Deutschland gespielt hat… das war eine Knochenflöte. Die Deutschen war echt nicht weit. Die Instrumente sind spätestens durch die Kreuzzüge nach Europa gekommen. Vorher nur durch Handelsreisende, wie zum Beispiel Marco Polo. Der wird sicher auch Instrumente gesehen und darüber geschrieben haben. Wenn man seine Biographie liest, steht darin nicht viel über Musik. Aber es gibt ja auch noch andere Schriften, die allgemein als nicht so wertvoll gelten, für uns sind sie jedoch viel interessanter, weil sie zum Beispiel von Mönchen aufgeschrieben wurden, die mit Spielleuten gezogen sind. Das sind Sachen, die passierten hundert Jahre später. Die sind für einen Verleger vielleicht nicht so interessant, sehr wohl aber für uns. Da wird eine bestimmte Kultur samt ihrer Instrumente beschrieben, wie zum Beispiel dass man in der Mongolei Pferdegeigen spielte. Das ist heute immer noch der Fall. Da ist oben der Pferdekopf drauf und darunter der chinesische Drache, was bedeutet, dass die Mongolen die Chinesen unterjocht haben. Die Tonerzeugung ist dabei ganz anders als bei der europäischen Geige und dann haben sie noch ihre Bleche und riesige Schalmeien. Wenn man nur auf diesen Instrumenten musiziert, klingt es natürlich nach der Mongolei. Aber wir mischen das. Wir haben ja Tscheng Tschengs aus Bali, die aber ähnlich auch in Indien oder Thailand gespielt werden. Das sind decke Blechbecken aus Bronze mit einem ganz bestimmten Klang, wenn man die zusammen mit einem Dudelsack spielt, entsteht eben wieder Corvus Corax. Wenn man eine indische Tonskala, eine indische Schalmei und eine Sitar nehmen würde, wäre es ja nicht Corvus Corax.“

Wie kann sich das Songwriting zum neuen Album vorstellen?

Castus: „Das ist immer unterschiedlich. Entstanden ist jeder Song anders. Teilweise gab es eine fertige Melodie, teilweise aber auch nur die Ideen einer Geschichte, wo man noch einen Text und eine Melodie zu suchen musste, die aus dem gleichen Sprachraum stammen. Da gab es dann tagelange Diskussionen, wie wir das Album aufnehmen. Die Produktionsphase ging aber relativ schnell, alles in allem haben wir etwa drei Monate gebraucht, aber es werden nach der Tanzwut-Tour noch ein paar Stücke dazu kommen. Es ist nicht so bei anderen Alben, denn man merkt langsam schon, dass wir alte Hasen sind, da wir sehr konzentriert gearbeitet haben. Wir teilen uns die Arbeit ja auch immer auf und achten drauf, dass wir nicht betriebsblind werden. Das bedeutet, dass man an einer Sache zu lange arbeitet und nicht mehr mitbekommt, was der Hörer eigentlich mag, sondern es nur noch sich selber recht macht.“

Ist dabei auch ein wichtiger Aspekt, die Spontaneität der Musik einzufangen?

Castus: „Ja genau, bei ‚Cantus Buranus‘ war es etwas anders, denn wenn man mit 200 Spuren arbeitet, wollen die erst einmal alle aufgenommen werden. Unser Engineer Thommy Hein ist aber auch bei der aktuellen Produktion wieder wahnsinnig geworden, denn wir haben seinen Computer erneut in die Knie gezwungen. Es waren teilweise auch wieder 100 Spuren, wobei bei einigen Titeln 70 bis 80 Spuren gleichzeitig laufen. Das wird man so nicht hören, aber wir arbeiten bei unseren Gesängen natürlich auch gerne mit Dopplungen und wenn bei sieben Leuten jeder seinen Part dreimal singt, sind das schon 21 Spuren. Und wenn dann noch verschiedene Stimmen dazu kommen und die Parts geschachtelt sind, geht es ordentlich zur Sache.

Wie viel Kreativität darf man überhaupt einbringen, um noch authentisch mittelalterlich zu klingen?

Castus: „Corvus Corax sind da skrupellos, denn wir haben unseren eigenen Stil. Wir verwenden mittelalterliche Musiktheorie, was bedeutet, dass wir auf Akkordbildungen verzichten, da das erst in der Renaissance entstanden ist. Man kann schon mit Quinten, Quarten und Terzen arbeiten, muss aber aufpassen, dass kein Akkord entsteht. Aber was rhythmische Sachen betrifft sind wir skrupellos. Wir halten den Leuten ja nicht den Spiegel vor und sagen, so war mittelalterliche Musik, sondern haben einfach unseren Spaß. Ich denke, dass sich die Leute im Mittelalter auch beeinflussen ließen. Corvus Corax sind fahrende Spielleute, die durchs Land ziehen und sich durch andere Musiker Einflüsse holen. Das macht uns aus. Wenn man eine Corvus Corax Show sieht, mag man sich fragen, ob wir vom Techno beeinflusst sind oder der Techno vom Mittelalter. Das kann man ja so nicht sagen, da ein Zweivierteltakt einfach Uffta-Uffta ist. Viele Balladen wurden im Mittelalter im Zweivierteltakt geschrieben und sie wurden sicher nicht langweilig in der Kneipe vorgetragen. Vielmehr wurde mit dem Krug dazu auf den Tisch gehauen, wenn einer rhythmisch gesungen hat. Das ist der Vorteil, den wir durch die Straßenmusik haben. Wir haben einfach erlebt, wie Leute in Kneipen auf unsere Musik reagieren. Das war teilweise wie im Mittelalter, denn wir wurden mit offenen Armen empfangen, aber als es gegen Abend zuging und wir nach einer Schlafgelegenheit fragten, hieß es, dass dies nicht ginge. Auch die Geschenke, die wir bekommen haben, sind ähnlich wie bei Frauenlob oder Vogelweide im Mittelalter. Wir haben schon Mäntel bekommen, Nahrungsmittel und sogar Geschmeide, zwar nicht von Prinzessinnen, aber durchaus von Edelfrauen. Wir haben also schon das komplette Repertoire durch was einen mittelalterlichen Spielmann betrifft. Das sind unsere Einflüsse und unser Leben, was uns immer wieder neu beeinflusst, denn wenn wir etwas lesen lesen wir das natürlich anders als ein normaler Leser. Schließlich sehen wir die Geschichten, die wir ausgraben, aus der Sicht eines mittelalterlichen Spielmanns. Zum Beispiel beim Augustinus. Wer den Text und die Noten sieht, denkt sich nicht viel dabei, aber wir als Spielleute lachen über die Mönche, die im Zölibat leben, und vertonen das.“

Ist die mittelalterliche Spielmannskunst für euch eine reine persönliche Sache oder auch eine Art das Kulturerbe zu bewahren?

Castus: „Wenn man sich unsere CD ‚Inter Deum Et Diabolum Semper Musica Est‘ anhört, könnte man meinen, dass Corvus Corax auch geschichtlich etwas zeigen wollen. Damals wollten wir das auch, aber wir sind dann davon abgerückt, weil wir der Meinung sind, dass dafür andere zuständig sind, die sich auch mit Minnesang und Spielmannskunst beschäftigen, aber das etwas akademischer betrachten. Wir haben uns in eine Richtung bewegt, bei der wir sagen müssen, es ist keine mittelalterliche Musik mehr, wir sind nur davon beeinflusst. Es ist einfach Corvus Corax. Viele Bands, die uns nachahmen, denken sie machen mittelalterliche Musik. Aber dem ist nicht so, sie machen lediglich Corvus Corax nach. In Österreich ist das ein eigener Stil, da gibt es sogar Diskotheken, die wie unsere Band heißen. Da weiß man, dass dort ein ganz bestimmter Stil aufgelegt wird. Davon gibt es mittlerweile aber auch Hunderte Bands. Natürlich wären wir in der Lage, eine akademische CD wie damals zu machen. Wir haben auch ein wunderbares Konzert in der Zitadelle Spandau gespielt, das live auf SFW3 übertragen wurde. Das kam auch gut an, aber wir kamen uns dabei etwas zu verstaubt und ordentlich vor. Da hatten wir zu wenig Freiheiten. Aber vielleicht wäre das etwas fürs Alter, dass man Sachen ganz genau eins zu eins recherchiert und dabei mal auf dem Teppich bleibt (lacht).“

Wenn ich das richtig deute, ist euch gerade der Faktor Spaß das Wichtigste, oder?

Castus: „Corvus Corax ist nicht ernst. Das ist gerade das Positive an der Band. Wir sind Spielleute und sind durch die Straßenmusik groß geworden. Davon haben Wim und ich jahrelang gelebt. Wenn ich etwas von Bibliothek sage, ist es trotzdem so, dass ich tagsüber in der Bibliothek sitze und abends mein Spielmannsleben führe. Früher stand ich am Alexanderplatz oder Unter den Linden und habe etwas Geld verdient, bin dann in die Bibliothek und abends genau gegenüber in eine Studentenkneipe, um mir die Mädels anzuschauen. So war das Spielmannsleben in Berlin direkt nach der Wende. Corvus Corax hat immer mit Spaß zu tun, denn es ist ja Tanzmusik. Nichtsdestotrotz machen wir ernstzunehmende Musik.“

Was können wir von der Umsetzung der neuen Stücke auf der Bühne erwarten?

Castus: „Das entscheidet sich, wenn wir mit Tanzwut zurück kommen, dann haben wir Auftritte mit Tanzwut, Corvus Corax und der Cantus Buranus. Das WGT wird die schönste Zeit, denn wir haben einen Cantus Buranus-Termin in Neuruppin, dann einen normalen Gig mit Corvus Corax-Konzert auf der Neuenburg, sowie Auftritte von Tanzwut und eine Cantus Buranus Aufführung auf dem WGT. Also drei verschiedene Projekte mit den selben Musikern innerhalb von vier Tagen.“

Bringt man da nicht unheimlich viel Zeit mit Proben zu?

Castus: „Ja (lacht). Aber wir müssen das irgendwie auf die Reihe kriegen. Und wenn wir das fertig haben, sind es nur noch ein paar Auftritte am Wochenende und unter der Woche können wir das neue Corvus Corax Programm üben. Wie es letztendlich wird, können wir noch gar nicht sagen. Aber die Menschen können gespannt sein, denn musikalisch kommen ein paar neue Sachen dazu und wir werden die Instrumentierungen alter Stücke leicht verändern, aber natürlich nur im positiven Sinne. Das möchte ich jetzt jedoch noch nicht näher verraten.“

Was hat es mit dem Kaltenbacher Ritterturnier auf sich, auf dem ihr wieder mehrere Auftritte hintereinander spielt?

Castus: „Das sind die ersten drei Wochenenden im Juli. Es ist das größte mittelalterliche Ritterturnier der Welt und wird von Prinz Luitpold von Bayern ausgerichtet. Das ist der Prinz, der auch dieses bekannte Bier herstellt. Man muss es sich wie ein mittelalterliches Oktoberfest vorstellen, aber mit einem Ritterturnier. Da kommen extra Stuntmen aus Frankreich, die in Hollywood arbeiten, die mit ihren Pferden eine gigantische Show in der Arena machen. Wir sind die Haus- und Hofspielleute von Prinz Luitpold. Dafür sind wir auch ausgezeichnet. Wir haben sogar eine Urkunde bei uns im Büro hängen, dass wir die Spielleute der Tafelrunde zu Kaltenbach sind. Da sind an den Wochenenden etwa 130.000 bis 140.000 Leuten und da ist wirklich ‚Venus Vina Musica‘ angesagt. Die Bayern verstehen ja das Biertrinken, Maßlosigkeit und die Völlerei, also die klassischen Todsünden, haha. Aber das ist das was wir mögen. Das ist alles sehr stilvoll. Es wird sogar bei den Ständen drauf geachtet, dass es keine mittelalterliche Bockwurst gibt. Einigen ist es zu kommerziell, aber die müssen ja nicht hingehen. Auf jeden Fall pilgern auch viele Menschen nur wegen Corvus Corax dorthin, weil wir unsere eigene Bühne haben. Wir spielen da drei Mal pro Tag vor Tausenden Leuten. Allerdings nie eineinhalb Stunden-Programme, sondern abends eine Dreiviertelstunde und vorher immer etwa zwanzig Minuten. Da laufen wir auch den Umzug mit und sind ganz allgemein leicht zu bekommen. In Kaltenbach geben wir immer die meisten Autogramme. Das gibt es Corvus Corx zum Anfassen.“

Zudem spielt ihr ja auf vielen Metal Festivals wie dem Wacken oder dem Summer Breeze. Habt ihr eine heimliche Vorliebe für diese Musik?

Castus: „Nee, die Metaller mögen uns. Es ist ja nicht so, dass wir uns dort bewerben, sondern dass die Veranstalter nach uns fragen. Beim Wacken war es natürlich etwas anderes, denn das war die Welturaufführung von ‚Cantus Buranus‘ und das war gigantisch vor 30.000 Leuten zu spielen. Wir durften allerdings nur 70-80 Leute mit auf die Bühne bringen, wegen der Statik. Es gab dort eine riesige Anlage und wir konnten alles gut musikalisch rüberbringen. Einige fanden das übertrieben, so etwas auf einem Metal-Festival zu machen. Aber der Großteil der Leute fand das emphatisch. In der ersten Reihen haben sogar einige gemosht. Wir haben mal in Österreich auf einem Metal-Festival gespielt, da kam im Nachhinein einer an und meinte, ihm sei erst jetzt aufgefallen, dass wir ja gar keine Gitarren haben. Und die sind da vorne total ausgeflippt. Der Dudelsack ist ja eh die Gitarre des Mittelalters.“

Corvus Corax Webseite

Das Interview führte Sascha Blach 2006 für subkultur.de

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Autor: Silbenstreif

Silbenstreif Label und Studio Berlin

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