Brendan Perry „Alive After Dead Can Dance“ (Interview)

Brendan Perry 1999
Brendan Perry 1999

Knapp 15 Jahre schrieb der Ire Brendan Perry Musikgeschichte zusammen mit Lisa Gerrard als Dead Can Dance. Ein Jahr nach dem unerwarteten Split hat BRENDAN PERRY nun sein Soloalbum „Eye Of The Hunter“ vollendet. Entspannt, melancholisch und romantisch startet so die Solokarriere eines Musikers, der auf 10 erstklassigen Alben durch so ziemlich alle Mythen und Musikkulturen gewandert ist. So gab`s für die zwei RCN- Reds auf Gastschreibermission eigentlich nur ein Gesprächsthema: Eben nicht Dead Can Dance, sondern Gott und die Welt. Prädikat: Besonders wertvoll (und deshalb in XXL)

Zu Irland fällt mir ganz spontan Guiness ein. Doch halt, das sieht jetzt wieder so aus, als würden wir in Franken den ganzen Tag Bier trinken…
Brendan: „Ihr habt sehr feine Weine hier. Immer wenn ich hier bin, kaufe ich mir ein paar Flaschen für Zuhause.“

Das ist der Weg, wie wir gute Artikel schreiben: Abends bei einem Gläschen Wein….
Brendan:“ Ich habe einen deutschen Nachbarn in Irland. Er lebt dort seit etwa 10 Jahren und war mal Tourmanager für die Dubliners. Wenn der nach Deutschland geht, kommt er immer mit einer Kiste Frankenwein zurück. Ich trinke den gern, er enhält wohl gewisse Substanzen, die mich kreativ beflügeln.“

Wieviel Fragen hast Du denn zum Thema Dead Can Dance bekommen?
Brendan: „Heute waren es ziemlich viele, in Hamburg (gestern) oder in Amsterdam (vorgestern) eher weniger. Ich war sehr angenehm überrascht, weil wir immer eher im Rahmen der Diskussion auf dieses Thema gekommen sind.“

Deine Platte kann man an jeden verkaufen, nur nicht an Trendkids. Das ist eine Platte für den Abend, für den Sonnenuntergang.
Brendan: „Ja, die Platte hat ihren eigenen Platz in der Zeit. Interessant, daß du sagst, das ist eine Abendplatte. Manche Journalisten haben gesagt, es sei ein Herbstalbum. Das ist der Abend vom Jahr.“

Hört sich an, als wenn du auf dein Leben zurückgeschaut und die Erlebnisse verarbeitet hast. Hast du mit „Eye Of The Hunter“ eine Phase deines Lebens abgeschlossen?
Brendan: „Meistens haben Songs mit bestimmten befristeten Abschnitten im Leben zu tun. Ich sortiere so meine Erlebnisse. Das ist eine Form von Therapie. Ich habe das Gefühl, daß es danach erst mit dem Leben wieder weiter geht.“

Künstler folgen meistens dem Drang, sich auszudrücken.. Wenn du nicht Musik machen würdest, wärst du wahrscheinlich Maler.
Brendan: „Ich würde nicht gut mit Sprache oder Malerei klarkommen. Musik ist für mich eine alternative Ausdrucksform zur Sprache. Dazu kommen viele unterbewußte Aspekte. Ich habe früher in der Musik mehr die depressiven Phasen explodieren lassen. Die neue CD ist mehr eine grundsolide Singer- Songwriterplatte geworden.

Es gibt nicht mehr viel klassische Liedermacher heutzutage.
Brendan: „Sieht so aus, als würden die aussterben. Lyrische Sachen haben mich immer sehr inspiriert, z.B. Ian Curtis oder Jim Morrisson. Lyrik tritt aber immer mehr in den Hintergrund. Sie wird in der Musik immer mehr zum Beiwerk. Man sagt, wir haben eine sprachlose Gesellschaft: Jeder redet, aber niemand spricht miteinander.“

Die Gesellschaft muß auch viel mehr Einflüsse aus allen Bereichen verarbeiten.
Brendan: „Schon, aber es zählt da nur noch Quantität, keine Qualität. Als ich jung war, habe ich gern Abends gelesen. Das macht heute keiner.“

Woran liegt das?
Brendan: „Ein wichtiger Grund dafür ist die Konzentrationsfähigkeit. Wenn du früher im Theater eine Komödie angeschaut hast, mußtest du mehrere Stunden aufpassen. Heute kann das fast niemand mehr. Die Frage ist nur: Haben die Medien diese verminderte Konzentrationsfähigkeit geschaffen, oder ist das bei den Leuten einfach passiert? Jeder leidet unter dem Wandel in der Kommunikation und an der Verarmung der Sprache. In den Musikvideos ist das auf die Spitze getrieben worden, weil du dort alle 2 Sekunden einen Wechsel hast. Ich bevorzuge eine ganz andere Geschwindigkeit, ein anderes Verhältnis zu Zeit und lasse es langsamer angehen, sodaß eine „Botschaft“ auch meiner natürlichen Sprachgeschwindigkeit entspricht. Das sind natürliche Rhythmen. Ich gehe gern tiefer und will mich nicht nur oberflächlich mit irgendetwas befassen..“

Bei der Arbeit ist das auch so. Du kannst viel länger hart arbeiten, wenn du zwischendurch mal so richtig zwei Stunden Pause machst. Einfach abhängen, und den Himmel anschauen. Wir arbeiten auch abends, und machen lieber nachmittag eine lange Pause. Wie in den südlichen Ländern. Da geht zwischen 2 und 4 gar nichts.
Brendan: „Ja, der Lebensrhythmus ist dort ganz anders.“

Ich habe im Sommer auf Mallorca „Moby Dick“ gelesen. Das ging dort viel besser, weil das Buch ja viel mit Meer zu tun hat. Die letzten Seiten mußte ich aber Zuhause lesen. Das war nicht das Selbe.
Brendan: „Früher ging ich in den Urlaub, und brauchte hinterher Urlaub vom Urlaub. Dann habe ich begonnen, im Urlaub zu lesen. Ich war mal in Marokko, in den Atlasbergen, und hatte das richtige Buch dabei. Das gibt dir deinen eigenen Soundtrack zu dem Erlebten. Es reist mit dir, und hilft zu entspannen. Da kommst du richtig erfrischt wieder zurück, und bist voller Tatendrang. Urlaub muß man lernen.“

Siehst du dich eher als Weltbürger oder hast du noch so etwas wie Heimat?
Brendan: „Ich bin viel gereist, habe viele Gesellschaften und unterschiedliche soziale Systeme kennengelernt, und habe meinen eigenen universellen Geschmack. Trotzdem bin ich gern daheim. Irland ist für mich der beste Kompromiß. Ich bin am Ende von Europa und kann an den Atlantik gehen. Hier kann ich meine Batterien wieder aufladen. Auf der anderen Seite kann ich mich ins Auto setzen, zum Flughafen fahren und bin in drei Stunden in London. Das ist eine schöne Balance.“

Das Offene findet sich in deiner Musik wieder. Sie ist nicht limitiert, sondern wirkt zu jeder Tageszeit anders. Wie ein Felsen, der zu jeder Zeit eine andere Farbe hat. Die aktuelle Dancefloor Mucke ist schon viel eintöniger.
Brendan: „Die ist sehr limitiert. Es besteht da eine gewisse Verbindung zu der Musik in den 60ern, psychedelische Musik wurde damals unter dem Einfluß von Drogen gemacht. Die Droge hat die Musik gemacht. Heute ist dieser Punkt komplett verfehlt. Du mußt Drogen nehmen, damit du etwas davon hast. Die Musik in den 90ern bewegt mich nicht besonders, also habe ich andere Wege, mich inspirieren zu lassen.“

Kannst Du dir vorstellen, mal etwas anderes zu machen als Musik, eine andere Kunstform?
Brendan: Musik ist für mich auch ein visuelles Erlebnis, ich stelle mir Musik auch räumlich vor, und ich möchte Musik gern in eine bildlliche Form bringen. Eine pittoreske Form, eine symbolische, eine figürliche Art. Aber bevor man etwas malt, mußt du dieses Handwerk erst einmal lernen. Das braucht etwas Zeit.“

Es gibt Leute die können Musik sehen, als Farben. Als Musiker machst du nichts als diese Barriere zwischen den Ausdrucksformen zu verbinden. Wie arbeitest du an deinen Liedern?
Brendan: „Es kommt nur auf die Feinfühligkeit an, wie du auf Musik reagierst. Ich lasse den Gesamtsound auf mich einwirken und kann das ohne Probleme analysieren. Irgendwie weis ich, wo etwas fehlt, oder wie ich eine Idee in Töne umwandeln kann.“

Wie bei blinden Leuten, die ein besonders gutes Gehör haben.
Brendan: „Ja. Wenn man für einen Sinn, der einem verloren gegangen ist, einen anderen Sinn vollkommen sensibilisiert.“

Kannst du dir vorstellen, Kompositionen zu machen, ohne zu hören. Wie Beethoven?
Brendan: „Ich frage mich nur, welche Art von Komposition ich da fabrizieren würde. Das ist wie im Dunkeln einen Irrgarten beschreiten. Bei Beethoven war es anders. Er konnte Musik in Form von Noten auf Papier zu bringen und nutzte seine Orchestererfahrung, die er erlangte, als er noch hören konnte. Ich dagegen bin kein Notenschreiber. Beethoven, na ja, das war keine so tolle Geschichte, wie sie immer erzählt wird. Er saß halt da und spielte mit dem Ohr auf dem Klavier! (Lacht) Das hat er wirklich getan. Er konnte so die Vibrationen hören.“

Heute spürt man Musik eher. Im Technotempel braucht man die Musik nicht hören, man kann sie fühlen. Wie bei den Indianern.
Brendan: „Der Urzeitrhythmus. Bei den Navajo- Indianern kannst du diese tiefe Baßtrommel hören, bis du einen bestimmten Punkt der Trance erreicht hast. Das ist etwas Anderes. Heute geht die Musik mehr in eine andere Richtung.“

Du scheinst auf die Welt, so wie sie ist, nicht besonders gut zu sprechen. Gibt es eine Person, die dich heute noch nachhaltig beeindruckt?
Brendan:“Da fällt mir spontan Stephen Hawking ein.“

Warum?
Brendan: „Mit seinen ganzen Hilfsmitteln erreicht er geradezu Übermenschliches. Da hat ihm der selbe Mann geholfen, der auch für Stevie Wonder gearbeitet hat. Mit seiner Sprechmaschine komuniziert er mit der ganzen Welt, es ist fasznierend.“

Was treibt einem Mann wie Stephen Hawking an? Was hält ihn am Leben?
Brendan: „Er will unbedingt das Geheimnis des Universums lösen. Ich habe mich auch schon mein ganzes Leben mit solchen Dingen beschäftigt. Ich wurde inspiriert durch dieses Auf und Nieder auf diesem Planeten, Es macht mich neugierig, als wenn da ein riesiges Schild durchs Weltall fliegen würde, auf dem steht: Versuche, meine Geheimnis zu ergründen.“

Hawking hat bereits mit 21 sein Examen abgeschlossen. Damals hat er gesagt: „Gott ist nur ein fehlerhafter Blutdruck in deinem Kopf.“ Jetzt sagt er, das er an Gott glaubt. Viele hochgeistige Wissenschaftler glauben an Gott.
Brendan: „Einstein hat gesagt, Gott spiele nicht mit Würfeln, und er sagte, daß hinter allem etwas Logisches steckt. Das haben viele Leute mißverstanden. Je mehr ich lerne, desto weniger weiß ich, aber es ist immer irgend etwas Höheres da, das alles zusammenhält. Da ist ein Sinn hinter der Evolution, das ist eben Gott. Ich habe einen Song in Arbeit, dessen Titel ist beeinflußt durch Einsteins Satz mit den Würfeln, der Refrain lautet: Gott spielt nicht mit Würfeln, er spielt nur gern verstecken!“

Danke für das schöne Gespräch.
Brendan: „Das hat mir sehr viel Spaß gemacht, sehr erfrischend für mich.“

Martin Müller/ Ewald Funk/ ToM Manegold für RCN im Jahre 1999

Autor: Silbenstreif

Silbenstreif Label und Studio Berlin

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