Equinox

Die Tag- und Nachtgleiche und das astronomische Zeitalter

EquinoktiumEquinox. Traditionell wird dieser Begriff für die Tag- und Nachtgleiche im Frühjahr (Frühjahrsäquinoktium, Frühlingsanfang) und im Herbst (Herbstäquinoktium, Herbstanfang) verwendet. Licht und Dunkelheit halten sich genau an diesen Tagen die Waage. Danach werden im Frühjahr die „Tage“ und im Herbst die „Nächte“ wieder länger.

  • Zwischen 19. und 21. März läuft die Sonne durch den Frühlingspunkt und überschreitet auf ihrer scheinbaren jährlichen Bahn am Himmel (Ekliptik) den Himmelsäquator von Süden nach Norden. Danach befindet sie sich auf der nördlichen Himmelshälfte, das heißt die Nordhalbkugel der Erde ist der Sonne zugewandt.
  • Am 22. oder 23. September läuft die Sonne durch den Herbstpunkt und überschreitet den Himmelsäquator von Norden nach Süden. Danach befindet sie sich auf der südlichen Himmelshälfte, das heißt die Südhalbkugel der Erde ist der Sonne zugewandt.

Diese klassischen Wendepunkte im Jahreslauf wurden und werden, wie auch die beiden Sonnenwenden, von allen Naturreligionen gefeiert.

Das Magische an einem Äquinoktikum ist der nicht faßbare Moment des vollkommenen Gleichgewichts – in einem Prozeß, einem Ablauf, ähnlich dem Augenblick, in dem ein Pendel den Scheitelpunkt erreicht, nicht mehr fällt und wieder zu steigen beginnt. Deshalb ist Equinox auch eine häufig gebrauchte Bezeichnung für die Wende der astrologischen Zeitalter geworden.

praezessionDie astronomischen Zeitalter entstehen durch die Wirkung der Gravitationskräfte von Sonne und Mond auf die Rotationsachse der Erde, die deshalb eine langsam drudelnde Bewegung beschreibt. In rund 2160 Jahren durchschreitet so der Punkt des Frühlingsequinox ein sogenanntes Tierkreiszeichen. Derzeit befinden wir uns zwischen den Tierkreiszeichen „Fische“ und „Wassermann“. Dem neu beginnenden „Zeitalter“ werden große Hoffnungen aber auch Ängste entgegengebracht. Die gesamte New Age Bewegung in der Esoterik basiert auf dem Glauben, jene Zeitalter bergen auch die Eigenschaften und Wirkungen, denen man den jeweiligen Tierkreiszeichen zuschreibt, was aber mehr als fragwürdig ist. Tierkreiszeichen an sich sind willkürlich festgelegte Figuren, die aus unserer Sicht irgendwelche Sterne bilden, die mitunter Lichtjahre voneinader entfernt und auch Lichtjahre von der Erde entfernt sind. Fest steht allerdings, daß der Zyklus der Präzession der größte Zyklus ist, den man auf Erden beobachten kann. Die Zeit, indem die Rotationsachse der Erde so einmal um sich selbst „taumelt“, nennt man Platonisches Jahr. Es entspricht rund 25 700 Erdenjahren.

Aleister Crowley sprach in diesem Zusammenhang bereits 1904 von “Equinox of The Gods”. Der Okkultist erklärte die Götter des Alten Zeitalters (des Zeichens der Fische) für tot und die ägyptischen Götter Nuit, Hadit und Ra-Hoor-Kuit zu Herrschern des Neuen Äons. Zu diesem Thema gab Crowley auch die Werkreihe “The Equinox” heraus. Die Frage aller Fragen ist diesbezüglich immer WANN denn nun zum Geier, dieses Wassermannzeitalter beginnt oder begonnen hat. Darauf gibt es mehrere Antworten. Ich möchte hiermit zwei geben, eine astonomische und eine astrologische:

  • 1. Wenn man die Tierkreiszeichen als willkürliche Figuren einfach ignoriert und den Nachthimmel vernünftigerweise in zwölf gleiche Sektoren einteilt, die je 30 Grad haben (also gewissermaßen die Torte gerecht aufschneidet oder jedem Tierkreiszeichen einen gleichgroßen Platz am Himmel zuordnet), so begann das Zeitalter der Fische im Jahre 50  nach Christus. In den Sektor des Wassermannes fällt das Frühjahrsequinoktikum dann ab dem Jahr 2200 nach Christus…
  • 2. Nun richten sich Tierkreiszeichen aber nicht geomentrisch an unseren Sektoren aus. Zwischen einigen ist mehr Platz, als zwischen den anderen und sie sind unterschiedliche groß. So ist der Sektor des Sternbilds Fische eben  größer als 30 Grad und der des Wassermannes kleiner… Daher sind die Zeitalter, die sich nach dem Eintritt in die Sternzeichen richten, auch unterschiedlich groß. Berücksichtigt man also diese unterschiedliche Größe der Sternzeichen, dann begann das der Fische bereits 70 Jahre vor Christus und das des Wassermanns begänne erste 2600 nach Christus. Herr Crowley war also ein bisschen zu früh dran. Grundsätzlich basiert aber jede Zeitrechnung auf mindestens einem willkürlich gesetzten Zeitpunkt und sollte deshalb immer ein Modell zur Orientierung bleiben und keinesfalls zur Wahrheit erhoben werden, Grund für irgendwelche Hysterien sein oder gar zu unüberlegten Handlungen führen.

In unserer dualen Welt symbolisert „Equinox“ eben jenem nichtfaßbaren zeitlichen Punkt, den Augenblick, der die Ewigkeit des Einklangs verbirgt. Die Tag- und Nachtgleichen sind astronomische Metaphern für die Auflösung der Gegensätze, die unser Leiden mitbestimmen, die uns Standpunkte und Meinungen zementieren und so Perspektiven zerstören. Sie sind uns Erinnerung, daß Licht und Schatten einander brauchen, sich Gegensätze einander bedingen und sich in ihren Extremen gleichen.

Vielleicht sollten wir „Equinox“ einfach feiern, indem wir in jener Nacht einen kurzen Augenblick das typisch menschliche Schwarz-Weiß-Denken hinter uns lassen. Vielleicht spürt ja manch einer die Ganzheit der Dinge und Nichtdinge- und sei es auch nur für einen kurzen Moment.

ToM 2005 / 2012

Quellen:

Autor: Silbenstreif

Silbenstreif Label und Studio Berlin

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