Die Walpurgisnacht

Der Monat Mai erhielt seinen Namen nach der Urfrau Maia (später Maria), die uns vom dunklen, besinnlichen Winter in die neuerwachende Phase des Frühlings geleitet und uns frische Lebensenergie bringt.Wie fast alle unsere Ahninnen, symbolisiert auch die Maia die Weisheit der sinnlichen Liebe, den Zyklus des Lebens, der sich im Mai in der ganzen Natur als Fröhlichkeit zeigt.

Helleres Licht, die ersten warmen Tage und lauen Nächte, leuchtendes Maiengrün, das Blühen der Obstbäume bringen Pflanzen, Tiere und Menschen in Aufbruchstimmung. Der Überschwang will gefeiert werden. Bis ins 16. Jahrhundert hinein war der Mai im ganzen ländlichen Europa ein „Honey-Moon“ der sexuellen Freiheiten. Vorhandene Ehebande waren zeitweise außer Kraft gesetzt. Am Abend vor dem ersten Mai fanden die großen Frühlingsfestlichkeiten der Hexen statt. Ihnen entspricht Samhuin oder Halloween am entgegengesetzten Pol des Jahres (31. Oktober).

In Deutschland ist dieser Abend als Walpurgisnacht bekannt. Der legendäre Versammlungsort der Hexen während dieser Nacht ist der Kniebis im Schwarzwald und der Brocken, der höchste Berg im Harz. Goethe hat dieses wilde Fest im Faust detailliert beschrieben. In Irland und Schottland hieß dieses Fest Beltane oder Baltein. Symbolisch wurde in dieser Nacht der Baal (auch Baldur genannt) verbrannt, als Übergangssymbol vom Alten zum Neuen. In manchen Gegenden verkörperte ihn ein vom Los ausgewählter Mann, der durch die Maifeuer sprang, die in Skandinavien noch heute „Baldurs Scheiterhaufen“ genannt werden.
Am ersten Mai wird vielerorts der Maibaum aufgestellt, Symbol für die Verbindung zwischen der Erde und dem Firmament. Das Aufstellen von Maibäumen zu Beginn des Maifestes ist in verschiedenen Ländern Europas bis heute Tradition.

In manchen Gegenden bleibt der Baum das ganze Jahr über stehen und wird zu festlichen Anlässen geschmückt. Oberflächlich betrachtet, werden heilige Kultpfähle häufig als phallische Symbole gedeutet, was jedoch nicht der alten Bedeutung entspricht. In erster Linie sind solche Holzsäulen Zeichen für die Verbindung von Himmel und Erde.Und so darf auch der in Mitteleuropa bekannte Maibaum, ein Hinweis auf die sich im Frühling deutlich manifestierenden Kräfte der erwachenden Natur, nicht einfach als „Phallussymbol“ betrachtet werden, sondern eher im Zusammenhang mit der Weltpfeiler-Vorstellung. Umsetzung des Kultpfahles in Stein ist der Menhir in den Kulturen der Großsteinbauer und der Obelisk in Altägypten. In vielen Teilen der Welt wird immer noch der Maifeiertag begangen mit dem Tanz um den Maibaum (Weltachse) und dem Umschlingen mit Bändern.
Pfeilerartige Säulen waren Aufenthaltsort heiliger „Säulensteher“, die sich in einer theatralisch wirkenden Geste verpflichteten, ihren Standplatz zu Ehren der Ahnen nicht zu verlassen.

Dieser Brauch hat sich bis ins Christentum erhalten. St. Simeon Stylites (ca. 396-459 n. Chr.) soll der Legende nach seinen Platz auf einer fünfzehn Meter hohen Säule in der Nähe von Antiochia vierzig Jahre lang innegehabt und nie verlassen haben, obwohl ihn der „Teufel“, der sich in Gestalt einer gewaltigen Schlange zeigte und die Säule umschlang, beunruhigen wollte.
Hier ist die Symbolverbindung Schlange – stabartiger Pfeiler gegeben, die wir auch bei Caduceus und Äskulapstab finden.
Die Weltachse (lat. axis mundi), ist ein weitverbreitetes Bild der kosmischen Architektur bei alten Kulturen, dessen Symbolik sich bis zu den eiszeitlichen Höhlenmalereien zurückverfolgen lässt. Dabei wird der eigene Lebensbereich als „Reich der Mitte“ aufgefasst, zwischen dem Zentrum der Erde und dem Zenitpunkt, der im Polarstern angesiedelt wird und um den sich der Sternenhimmel scheinbar dreht. Der imaginäre Stützpfeiler der Himmelskuppel wird als eine sich spindelartig (vgl. Spirale, Labyrinth) drehende Achse gedacht oder statisch als stützender Weltenberg (Berg) oder kosmischer Baum.

Die Weltachse wird bei Völkern mit schamanistischen Trance-Kulten auch als der Verbindungsweg angesehen, auf dem der Schamane oder die „Hexe“, die Weise Frau, die anderen Ebenen des Weltenbaus erreichen kann, um dort mit über- und unterirdischen Wesen (Ahnen, Geistern) im Dienste der Gemeinschaft zu kommunizieren. Das ist, was sich in dieser Nacht auf dem Blocksberg und anderswo abspielt. Bildliche Darstellungen der Weltachse symbolisieren damit auch den Gedanken an die Schöpfungsordnung und das Beheimatetsein in einem festgefügten Universum. Die Kirche war gegen dieses sinnlich-spirituelle Festritual. Bischof Elegius von Noyons bat im 7. Jahrhundert seine frisch bekehrten Schäfchen mit den sexuellen Mai-Riten aufzuhören – ohne Erfolg.

Heute werden an diesem Tag auch die ArbeiterInnen der Welt geehrt. Auf dem Gründungskongress der II. Internationalen am 1. Mai 1889 wurde dieser Tag zum Tag der Arbeit bestimmt. Er hatte besondere Bedeutung in der Sowjetunion, wo die Militärparade zur Darstellung der Kampfkraft am Ersten Mai ein bedeutendes öffentliches Ereignis war. Nachdem es die Sowjetunion ja nicht mehr gibt, feiern wir doch lieber das alte sinnliche Fest und tanzen um die Weltenachse.

Quellen:
Knaurs Lexikon der Symbole
Barbara Walker, „Das geheime Wissen der Frauen“ und „Die geheimen Symbole der Frauen“

Hannelore Vonier – www.matriarchat.info

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Autor: Silbenstreif

Silbenstreif Label und Studio Berlin

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